Wie alt ist der Birnbaum?

von Klaus-Dieter Hammes, Aachen/Brockscheid

2024

Meine Mutter ist in diesem Jahr im stolzen Alter von 97 Jahren verstorben. Mit ihr ist auch mein „Nachschlagewerk" in Sachen Dorfgeschichte verloren gegangen. Ich hatte sie schon öfter nach dem Alter unseres Birnbaums befragt, immer ohne Erfolg. Irgendwie musste das Thema jedoch trotzdem ein für alle Mal geklärt werden. Die Zeit war reif für entsprechende Überlegungen. Bevor das Lösen dieser Aufgabe angegangen wird muss die Vorgeschichte erläutert werden.

1995

In dem Jahr haben wir das ehemalige Pfarrhaus in Brockscheid mit dazu gehörigem Garten erworben, ein altes Haus unter Denkmalschutz. Ein sogenanntes „Trierer Haus" aus dem Jahr 1816. Uns war klar, dass dieses, den Ort prägende Gebäude entsprechend restauriert werden musste. Mit dem sogenannten „Herrengarten" hinter dem Haus verhielt es sich ähnlich. Es war viel Arbeit, das Haus und den Garten zu restaurieren, aber mit viel Hilfe und Familieneinsatz ist das gut gelungen. Federführend für die Gartenrestaurierung war meine Mutter, damals immerhin schon 70 Jahre alt. In diesem Alter setzen sich andere zur Ruhe — Sie nicht! Wenn man es genau nimmt, beginnt dieses Kapitel Familiengeschichte bereits in den 50-er Jahren.


Foto aus dem Jahr 1962. Der Pfeil zeigt die Stelle, an der der Durchmesser von 25 cm abgegriffen wurde.


1958

Ab diesem Jahr wohnten wir drei Jahre in besagtem Haus zur Miete. Bis meine Eltern im Jahr 1961 in unmittelbarer Nachbarschaft das „Balteshaus" kauften. Vor dem Umzug ins „Balteshaus" pflanzte meine Mutter einen kleinen Buchsbaum in dem gemieteten Garten, der uns nach dem Erwerb 1995 als erwachsener Baum begrüßte. Heute ist er 67 Jahre alt und steht ganz in der Nähe des alten Birnbaums. Damals wie heute gibt es den alten Birnbaum, den wir pfleglich behandeln. Er trägt seit dieser Zeit jedes Jahr im September/Oktober Birnen. Es ist eine feste Sorte, die sich gut einwintern lässt. Heute, da meine Mutter verstorben ist, stellt sich die Frage nach dem Alter des Baumes erneut.

Es gibt die Möglichkeit, den Baum zu fällen und die Jahresringe zu zählen. Die Idee war schnell verworfen! Es musste doch auch eine andere Möglichkeit gefunden werden. Ich wusste, es gab im Nachlass meiner Mutter ein Foto, auf dem der Baum zu sehen war.

1962

Das Foto war gefunden und mit Hilfe der Abschätzung des Durchmessers war eine erste Information zum Baum gefunden. Mit der Information des Durchmessers aus dem Jahr 1962 und einer aktuellen

Messung aus dem Jahr 2024 konnte eine entsprechende Berechnung angestellt werden. Für einen Ingenieur lässt sich mit Hilfe von EXCEL alles berechnen. Mit dieser Berechnungsmethode lässt sich das Alter nachweisen, ohne dass der Baum gefällt werden muss.

Birnbäume können bis zu 300 Jahre alt werden. Unser Baum hätte demnach mit einem Alter von 174 Jahren noch ein paar Menschengenerationen vor sich.

1850

In diesem Jahr leistete der Pfarrer Matthias Trierweiler seinen Dienst in der Pfarrei Brockscheid. Er bewohnte 1850 das ehemalige Pfarrhaus im Dorf und war sicherlich auch, wie in der Zeit üblich, Nebenerwerbsbauer und zuständig für den „Herrengarten" hinter seinem Haus. Er muss den Birnbaum gepflanzt haben.

 

Jahr

Durchmesser (cm)

Umfang (cm)

Einheit

Messung vom Foto

1962

25

81

 

Aktuelle Messung am Baum in 1 Meter Höhe

2024

 

126

 

Zuwachs als Differenz bis ins Jahr

2024

Delta

45

 

Zuwachs Umfang pro Jahr 1962 bis 2024

 

62 Jahre

0,726

cm/Jahr

Rückrechnung vom Jahr 1962

Alter

1962

112

Jahre

Ergebnis

Alter

2024

174

Jahre

Gepflanzt

anno

1850

 

Zur Historie

1466

Wird der erste Pfarrer, der in Brockscheid seelsorgerisch tätig war, erwähnt: Peter von Mehren, geb. in Mehren, dort erwähnt als Priester aus der Pfarrei, Zeuge im Dauner Weistum. Man muss sich das heute vorstellen, eine kleine Gemeinde hatte einen Seelsorger nur für sich! Ihm folgte im Jahr 1840 der 20. Seelsorger Matthias Trierweiler.


1840 bis 1853 Matthias Trierweiler

Geboren am 14.09.1805 in Trier - Kürenz; geweiht am 27.08.1835 im Alter von 29 Jahren in Trier; Kaplan in Daun; ab 01.07.1840 im Alter von 35 Jahren Pfarrer in Brockscheid, gestorben im Alter von 61 Jahren am 02.02.1867.


Zur Historie des ehemaligen Pfarrhauses in Brockscheid

1954

Franz Gurski war der 35. Pfarrer und gleichzeitig der letzte, der im Pfarrhaus am Ort wohnte. Er verließ Brockscheid im Jahre 1954. Seit dieser Zeit wurde das Pfarrhaus vermietet. In den 70er Jahren ging das Gebäude im Tausch mit der Schule in den Besitz der Gemeinde Brockscheid über. Es wurde wieder vermietet und im Jahr 1995 an uns verkauft. Den Birnbaum haben wir mit erworben. Wir werden das Naturerbe aus dem Jahr 1850 weiter in Ehren halten. Die Recherche rundet das Bild des Gartens ab.

Es gibt eine weitere historische Erzählung beim Rundgang durch den „Herrengarten". Meine Mutter wurde 1926 geboren. Es ist also kein Wunder, dass sie das Alter des Baumes nicht kennen konnte. Sie würde sich sicher gefreut haben, wenn Sie gewusst hätte, dass sie im Schatten eines 174jährigen Baumes gearbeitet hatte. Es war spannend, Haus und Garten zu entwickeln. Das Haus, aus dem Jahr 1816 und der Garten, war nun für eine bestimmte Zeit in unserem Besitz und uns zur Pflege überlassen. Es war daher klar, dass dies ein sogenannter „Genius Loki", ein besonderer Ort war. Entsprechend vorsichtig wurde mit dem Anwesen umgegangen, immer im Bewusstsein, den Ort eines Tages an eine neue Generation weiter zu geben. Es gab keinen Masterplan, dem sich alles unterzuordnen hatte. Im Gegenteil, ich hatte 1995 eine „Botschaft" niedergeschrieben:


Kämpfe um mich


Wie ein Kind musst du mich akzeptieren,

so wie ich bin nimm mich hin.

Meine Mauern sind alt,

doch mein Herz ist ok.

Ich fühle mich gut

und mir tut auch nichts weh.


Vielen Herren hab ich gedient,

dich kenne ich nicht.

Ich werdy mit dir Leben,

„drum kämpfe um mich".


Ich habe es verdient in fast 200 Jahren,

habe ich Sonne, Regen und Kriege ertragen.


Man ließ mich lange allein,

jetzt bist du mein Beschützer,

ich werde es dir danken solange es dich gibt.

Werde bei Regen dich schützen,

bei Sonne dir nützen.


Auch Frühling und Herbst nehmen wir mit!

Doch sei mir nicht böse,

wenn du nicht mehr bist,

werden andere mich schützen

bei Donner und Blitz.


Ich bin deine Burg dir zu Lehen gegeben,

du bist nur Gast — ich werde weiterleben!


Die Botschaft war ausgesprochen und entsprechend bei uns angekommen.