von Felicitas Schulz, Hillesheim
Im Jahre 1936 gab es in Hillesheim um die 1450 Einwohner mit Apotheke, Hausarzt und Zahnarzt. „Sommerfrischler", wie die Urlauber damals hießen, kamen mit „Kraft durch Freude" auch nach Hillesheim, um Reisen für Arbeiter und Angestellte im Dritten Reich zu ermöglichen. „Die brachten Kerzen mit, weil sie dachten, wir haben noch kein Licht und waren maßlos erstaunt, dass es hier ein Fotogeschäft gab. Wer morgens bis 10 Uhr den Film brachte, konnte abends um 18 Uhr die Bilder abholen."
So erzählten es mir vor 15 Jahren die zwei gleichaltrigen Freundinnen Magda Henn-rich und Hilde Drobneski, die 1936 die Volksschule abschlossen. In der Drogerie gab es freiverkäuflich Schmerztabletten, Rattengift und Tier-Arzneien. Besonders in der Altstadt, wie in der Burg- und Kirchstraße, krähten Hähne und liefen aufgeregte Hühner auf den Straßen umher. „Vieh hatten fast alle und ein großer Misthaufen zeugte von bescheidenem Wohlstand -sprich Überleben." Mit 50 Geschäften war der kleine, rundum allseits bekannte Vieh-und Marktort gut ausgestattet. Dazu gehörten 5 Schreinereien, Stellmacher, 4 Schuster, 5 Näherinnen, Kostümverleih, Samengeschäft, Hutmacher u.a., die schon lange nicht mehr existieren. In 13 Kolonialwarenläden stand in den Regalen was allgemein benötigt wurde. In einigen Läden wurden auch Heringe aus dem Fass und Sauerkraut sowie Senf aus dem Eimer verkauft. Dafür mussten Gefäße mitgebracht werden.
Hausschlachtungen gab es viele, und war der Hof zu klein, dann schlachtete man auf der Straße. Alle 13 Gastwirtschaften hatten viel zu tun, wovon die Bahnhofswirtschaft am Ortsrand mit zwei Wartesälen und Kneipen für 1. und 2. Klasse besonders großen Zulauf hatte. Die letztere soll oftmals überfüllt gewesen sein, und so mancher fand den Heimweg erst spät am Abend. Es gab viel Neues zu sehen und zu hören, wenn bis zu sechsmal am Tage die Züge anhielten. „Über dreiviertel der Einwohner besaßen Eigentum und war es noch so klein. Es gab Häuser, die hatten nur 4 Zimmer, wo die Familien mit 6 bis 7 Kindern lebten."
Kleinere Schulkinder, ob Mädchen oder Jungen, trugen von Mutter selbst genähte Schürzen, wie das damals und auch noch Jahre danach so üblich war. Den Kindern wurde gesagt, sie möglichst lange sauber zu halten. Wer als Kind die Christenlehre oder die Hl. Messe versäumte, bekam oftmals vom Pastor oder vom Lehrer Prügel. Manche Jungen hatten deshalb ein Kissen auf dem Gesäß unter der Hose.
„Die Schulabgänger suchten sich mit 14 Jahren meist rechtzeitig eine Stelle. Ein Teil der Mädchen ging nach Köln, denn das war ein Anziehungspunkt, wo sie im Haushalt unterkamen, ihr Essen erhielten und die Kleidung selbst kaufen konnten", so haben mir das meine beiden Freundinnen erzählt. Ein Pastor soll von der Kanzel besonders laut und erzürnt zu den Jugendlichen gesagt haben: „Warum geht ihr in das sündige Köln anstatt ins christliche Trier", doch kaum einer hörte darauf.
Als 1938 ca. 1500 Westwallarbeiter in die Eifel kamen, davon 1000 nach Hillesheim, war das ein Schock für den sonst beschaulichen Marktort. Sie kamen fast alle aus Berlin. Als Gepäck hatten sie nur einen Pappkarton mit Kordel darum, statt eines Koffers. Hillesheim geriet der vielen Menschen wegen beinahe in Panik. „Wir hatten echt Angst, denn es waren ja überwiegend Arbeitslose und wir sagten uns auch, dass eventuell Verbrecher dabei sind, die aus dem Gefängnis kamen. Das war die Angst, die Furcht, weil es ja eine ganz andere Mentalität war." Jede Familie musste gegen Entgelt für Unterkunft und Verpflegung einen oder mehrere Arbeiter aufnehmen, die morgens mit Bussen zu ihren Arbeitsplätzen an der belgischen Grenze gebracht wurden. „Mit den Westwallarbeitern kam zum ersten Mal etwas mehr Geld in den Ort, die wurden ja bezahlt. Viel war es nicht, es langte nach einem langen Arbeitstag zum Biertrinken." Einer der Westwallarbeiter fotografierte bei seinen Wanderungen an den Sonntagen die Dörfer, Kirchen, Vulkane und die „stillen Eifelwälder", wie er sie nannte. Fast über Nacht wurden die Arbeiter abgezogen, warum, das wusste vorerst niemand.
Am Mühlendamm in Hillesheim vor 1944, rechts die Löwenapotheke.
Viele Jahrzehnte später - um das Jahr 2010 - führte die Sammelleidenschaft dazu, dass diese Episode der Lokalgeschichte neu beleuchtet wurde. Norbert Möller, der sich seit 1991 um die Kunstausstellungen im Hillesheimer Rathaus kümmerte und regelmäßig das Internet nach alten Postkarten mit Fotomotiven aus Hillesheim durchforstete, sah im Herbst 2010 an einem regnerischen Abend in einer Onlineauktion ein Fotoalbum mit Fotomotiven, die ihm bekannt waren. Kirchturm, Stadtmauer und andere charakteristische Motive zeigten, was hier für ein Schatz angeboten wurde. Aus der Gesamtheit der in mehreren Auktionen angebotenen Fotoalben des gleichen Urhebers, eines augenscheinlich aus Berlin stammenden und nach Arbeitsdienst, Kriegszeit und Gefangenschaft wieder glücklich dorthin zurückgekehrten „Icke". Das Titelblatt des Albums lautete „Icke an der Westfront", also ein echter Berliner. Norbert wollte das liebevoll gestaltete Album unbedingt erwerben; allein die zahlreichen Sammler von Militaria trieben den Preis so in die Höhe, dass bei 500,- € dann doch die Eifler Sparsamkeit Einhalt gebot. Ein anderer Bieter trug den Sieg davon. Wenn es aber schon nicht möglich gewesen war, das Album zu ersteigern, so konnte man es vielleicht ausleihen? Der Datenschutz und die daraus resultierenden Bedingungen der Auktionsplattform ließen eine einfache Kontaktaufnahme leider nicht zu. Es dauerte eine Weile bis der glückliche Gewinner der Auktion selbst etwas versteigerte und so die Frage nach dem Album möglich war. Ein Arzt aus Köln war gerne bereit, das Album für eine Ausstellung auszuleihen und kam auch als Ehrengast zur Vernissage. Überwältigt vom Erfolg der Ausstellung schenkte er am Abend der Vernissage das Album der Stadt. Diejenigen, die nahe dabeistanden, meinten, er habe Tränen der Rührung im Augenwinkel gehabt.
Die frühere Kirchstraße in Hillesheim, heute befindet sich hier die Fußgängerzone.