von Manfred Schmitz, Flußbach
Damit der Leser das Erlebnis, worüber ich berichten will, in seiner Tragik nachvollziehen kann, muss ich ihn in eine Zeit zurückführen, die man jüngeren Menschen kaum noch nahe bringen kann: Es war im Jahr 1947, kurz nach dem Ende des zweiten Weltkriegs, ein Jahr vor der Währungsreform 1948, mit der die alte „Reichsmark" auf die „Deutsche Mark" umgestellt wurde. Deutschland war wirtschaftlich vom Krieg total ruiniert, das Geld war wenig wert und das, was man brauchte, musste man mit landwirtschaftlichen Produkten wie Milch, Butter, Eier, Fleisch, Speiseöl und Feldfrüchten bezahlen. Auch das Beschlagen unserer Zugtiere mit Hufeisen beim Dorfschmied in Schalkenmmehren (Schmieds Werner) wurde mit Naturalien bezahlt. Alle Dörfer der Eifel waren von französischen Soldaten besetzt, denn die Vulkaneifel gehörte zur „französischen Besatzungszone" der Siegermächte. Ohne die Erlaubnis der französischen Kommandantur ging nichts, nicht einmal eine Hausschlachtung. Sogar das Sammeln der ölhaltigen Bucheckern im Wald war verboten. Die Bauern mussten gegen ein lächerliches Entgelt Schlachtvieh an die Franzosen abliefern. Wir - Vater, Mutter und wir 3 Geschwister — waren eine in Schalkenmehren ansässige Kleinbauernfamilie. Die Vorfahren meines Vaters waren im 19. Jahrhundert noch die „dicksten" (reichsten ) Bauern im Dorf. Doch dem Kinderreichtum der damaligen Zeit und dem „Realerbteilungsrecht" war es zu verdanken, dass uns von den einst großen Acker-, Wiesen- und Waldflächen der Vorfahren gerade mal 10 Morgen (1 Morgen = 2500 qm) eigenes Acker- und Wiesenland verblieben. Vormals große Flächen wurden immer kleiner, weil sie nach und nach immer wieder unter den Erben aufgeteilt wurden. So wurde die Gemarkung (gesamte zu einem Dorf gehörige Fläche) zu einem Flickenteppich aus kleinen Flurstücken (Flur = Teil der Gemarkung). Uns gehörte u. A. ein Flurstück von der Größe eines „Morgens" auf dem Flur „Ob der Eetz", am westlichen Kraterrand des Gemündener Maares, nahe bei Gemünden. Davon wird noch die Rede sein.
Wir waren Selbstversorger und mussten von dem leben was wir erwirtschafteten. Um seine Familie ernähren zu können, musste mein Vater noch um die 20 „Morgen" hinzu pachten. Unser Viehbestand bestand aus einem Zugpferd, vier Milchkühen, einem bis zwei Kälbern und Jungrindern, zwei Schlachtschweinen sowie Hühnern mit Hahn. Unser Leben bestand von früh bis spät aus harter Handarbeit. Mitarbeit durch uns Kinder empfanden wir als selbstverständlich, den Begriff „Kinderarbeit" kannten wir noch nicht. Wir kauften nur das Nötigste und weil wir wenig hatten, mussten wir sehr sorgsam damit umgehen. Gab es ein zu regenreiches oder zu trockenes Jahr war die Ernte an Getreide, Kartoffeln und Futter für das Vieh schlecht. Dann hatten wir noch weniger, mussten aber trotzdem damit auskommen. Im Nachhinein empfinde ich diese harte, von materiellem Mangel geprägte Zeit als die glücklichste, lehrreichste und eindrücklichste Zeit meines Lebens. Die, die heute den Besitz eines Autos oder gar eines Hauses als selbstverständlich empfinden, kann ich nur bedauern, weil sie kleine Dinge nicht zu schätzen wissen. Materiell waren wir arm, ideell aber reich, denn unsere klugen, treusorgenden Eltern und eine intakte Dorfgemeinschaft lehrten uns „das richtige Leben", das Respektieren von Werten, den sozialen Zusammenhalt und das Aushalten von Mangel. Die körperliche Mitarbeit machte uns lebenstüchtig. Unsere Eltern teilten mit uns Freude, Pech, Leid und Sorgen, und sie beteiligten uns an allen Plänen und Gesprächen die unsere kleine Landwirtschaft betrafen. Bei ihnen fühlten wir uns so sicher aufgehoben wie in „Abrahams Schoß." — Ach, könnte ich Ihnen, die wir schon längst auf unserem historischen Friedhof Weinfeld, oben am Totenmaar begraben haben, noch einmal auf den Knien danken, für alle bescheidenen Geschenke, ihre liebevolle Fürsorge und für all das, was sie an mir bewirkt und für mich getan haben.
Vater war ein gelernter, sehr fortschrittlicher Landwirt. Permanent war er damit beschäftigt, unsere bescheidene Landwirtschaft weiter zu entwickeln und nach neuen Einnahmequellen zu suchen. So kam er eines Tages auf die Idee, Flachs auszusäen, was damals in der Eifel unüblich war. Die Wahl fiel auf unseren gut drei Kilometer von Schalkenmehren entfernten (oben erwähnten) Acker „Ob der Eetz", nahe dem Dorf Gemünden. Die Saat gedieh prächtig und war unser aller Stolz. Und endlich war es Zeit zur Ernte. Wir mähten die dichtstehenden, halbhohen Halme mit der von unserem Pferd gezogenen kleinen Mähmaschine ab, bündelten sie in „Garben" und stellten sie - je 5 Garben - zu einem so genannten „Kaasten" zum Trocknen auf. Zwei stolze Reihen „Kaasten" standen schließlich auf dem Feld. Das Heimbringen sollte ein Fest werden. Und so fuhr dann die gesamte Familie am darauffolgenden Tag auf dem Plateau unseres Ackerwagens, gezogen von „Max", unserem großen Hannoveraner samt Picknickkorb, in Richtung „Ob der Eetz." Als wir ankamen fielen uns fast die Augen aus dem Kopf: Kein einziger „Kaasten" stand mehr da. Die Garben lagen in mehreren Haufen auf dem Feld und als wir näher hinsahen entdeckten wir, dass die Rispen oben an den Halmen mit den öligen Samenkörnern fehlten. Die Enttäuschung ist mit Worten nicht zu beschreiben. Unsere Erwartungen, unsere Freude, alle Mühe und Arbeit waren auf einen Schlag vernichtet! Wir Kinder weinten. Nachdem wir uns einigermaßen gefangen und den gemeinen Diebstahl begriffen hatten, kam Wut in uns hoch: Wer mochte uns in der Nacht zuvor so hinterhältig bestohlen, die Garben auf dem Feld ausgedroschen und die wertvollen Körner mitgenommen haben? Die Familie beriet und kam einstimmig zu dem Schluss: Es können nur Gemündener gewesen sein! Wir haben nie herausgefunden wer die Diebe waren. Für uns war es ein bitterer Verlust, denn wir wollten die Flachskörner nach Niedermanderscheid zur Ölmühle bringen um Öl daraus pressen lassen. Ca. 40 Liter bestes, teures Öl sollten es werden. Es tat richtig weh und noch Jahre danach haben wir mit diesem Schicksalsschlag gehadert.
Ich werde 2024 siebenundachtzig, damals war ich zehn. Und immer, wenn ich bei meinen häufigen Spaziergängen im Umfeld des „Mäusebergs" (Erhebung westlich des Weinfelder Maares mit Dronketurm) an unserem ehemaligen Flachsacker vorbei komme, stößt mir diese üble Geschichte auf. Den Dieben habe ich nie verziehen, und wenn ich sie herausfände, würde ich sie heute noch robust bestrafen.