von Ewald Hansen, Reuth
In der Mitte des Dorfes Reuth lebte bis in die zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts die angesehene und begüterte Familie Ewen, Hausname „Moosch". Die Eheleute Ewen hatten 8 Kinder, 2 Töchter und 6 Söhne. Der ältere Sohn Pitter, ein Mann von kräftiger Statur, sollte den Hof einmal übernehmen. Sein etwas jüngerer Bruder Klaos dagegen, ein gewiefter, eingefleischter Junggeselle, wusste sich vor jeglicher Arbeit zu drücken. Er war jedoch sehr redegewandt und verfügte über ein gutes Allgemeinwissen.
Als die Mutter eines Tages erklärte, dass ihr die tägliche Arbeit nach der Heirat der beiden Töchter und damit auch deren Weggang über den Kopf wachse und unbedingt eine „Schnoaer"( Schwiegertochter) ins Haus müsse, war Kloas sofort Feuer und Flamme. Großzügig erklärte er sich bereit für den etwas schüchternen Bruder Pitter auf Brautschau zu gehen. Nachdem dann auf Pitters Wunsch geklärt war, dass er den Hof übernehmen würde, machte sich Kloas auf die Suche. Alsbald wurde er fündig und verkündete dann zuhause: „Die Backes in Pittenbach sind nicht gerade arm und haben einen prächtigen Bauernhof. Da war letzten Winter kurz nach Neujahr schon „en jewaltig Mesten firr dem Hoas" (ein gewaltiger Misthaufen vor dem Haus). Dieser war fast halb so hoch wie das Haus. Die Backes haben auch zwei tüchtige Mädchen, von denen eine die richtige Frau für Pitter wäre." So tagte dann der Familienrat und kam überein, dass man in Pittenbach mal vorstellig werden wolle. Also machten sich Kloas und Pitter eines Sonntags auf den Weg, um natürlich " rein zufällig" mal in Pittenbach vorbeizuschauen. So lernten sich die möglichen Brautleute dann schon etwas kennen und fanden auch zugleich Gefallen aneinander. Etwas später kam es dann nach gegenseitigen Hausbesuchen und der Besichtigung der Anwesen durch die Eltern zu den Hochzeitsvorbereitungen. Diese lagen selbstverständlich in Händen von Kloas. Schon bald stand das umfangreiche Festprogramm. Mehr Arbeit machte jedoch die nicht gerade kleine Gästeliste. Nach altem Brauch wurden die nächsten Verwandten der beiden Familien eingeladen. Von den Verwandten zweiten Grades (Vettern und Cousinen) erhielten je zwei einer Familie eine Einladung. Von den Verwandten dritten und vierten Grades wurde je eine Person, wie es üblich war, eingeladen. Die Auswahl der Person oblag dabei den Familien. Eine Einladung erhielten auch befreundete Jungen und Mädchen der Brautleute sowie die Nachbarschaften. So kam für die Hochzeit eine stattliche Zahl von mehr als 100 Gästen zustande. Hinzu kamen noch die Musikanten und die vielen Helferinnen. Auch „rein zufällig" am Hochzeitstag Vorbeikommende waren einzuladen und einzuplanen. An Getränken besorgte Kloas ein „Ohm" (ca. 160 l) Moselwein und viele Liter des guten Eifler Korns von der Firma Knoth aus Roth und der Firma Krämer aus Hammerhütte. Der Wein wurde nur im Hause ausgeschenkt, der Branntwein wurde aber überwiegend beim Umzug der Dorfjugend im Dorf in den Häusern nach den Mahlzeiten am Hochzeitstag ausgeschenkt. Dabei galt natürlich auch das Motto „op eenem Been ka mer net stoan"(auf einem Bein kann man nicht stehen), sodass mindestens noch ein zweites „ Schnäpsje" oder „Dreppche" (Schnäpschen oder Branntwein) getrunken werden musste. Für die Hochzeitsessen mussten ein junger Ochse von ca. drei Zentner Schlachtgewicht, ein ebenso schweres Schwein und zwei Hammel ihr Leben lassen. Hinzu kamen noch von den Nachbarn gespendete Schinken und Würste. Für die Backwaren besorgte Kloas drei Zentner Mehl. Zusätzlich halfen Nachbarn und Bekannte noch mit Milch und Butter aus.
Die Hochzeitsfeierlichkeiten dauerten ganze drei Tage - von Dienstag bis Donnerstag. Für den folgenden Sonntag wurden noch weitere Gäste eingeladen, die ansonsten nicht auf der Gästeliste gestanden hatten. Auch andere Gäste, die von der Hochzeit gehört hatten und dann „rein zufällig" ins Dorf kamen, gelangten noch in den Genuss der „Urzelen" (Reste).
Der emsige Hochzeitsmacher Kloas erntete reichlich Lob von allen Seiten und wurde in der Folgezeit gerne als „Fachplaner" für Hochzeiten eingestellt.