Kinderzeit in Oberstadtfeld

von Helmut Gassen, Sarmersbach


In unserer modernen Zeit haben Kinder ihr eigenes Zimmer voller Spielsachen, haben oft schon einen Computer und ein Handy. Face-book, X, TikTok, Instagram und WhatsApp heißen ihre sozialen Treffpunkte. Und doch wissen viele Kinder oft nicht, was sie vor Langeweile tun sollen. Das war in unserer Kindheit ganz anders.

Die „gute, alte Zeit" war zwar eine arme Zeit, aber eine voller liebevoller Erinnerungen. Ja, meine Kindheit in und um Oberstadtfeld war schön und ich erinnere mich heute gerne daran. Unser Spielplatz war das Dorf und die Natur rundum. Wir bastelten und schnitzten uns Flugzeuge und Schiffe aus Pappe und Holz, ließen die Schiffe zum Stapellauf auf die Kleine Kyll, und die Flugzeuge stürzten wir von den Gruben in der Ley, wo sie dann oft eine Bruchlandung hinlegten. Alles nicht so schlimm, dann wurden eben neue gebaut!

Zeit hatte für uns eine andere Dimension wie für die Kinder heute, da wir nicht solche Verpflichtungen wie die Kinder heute hatten. Im Sommer bauten wir aus Erdklumpen an der Kyll Staudämme, um ein Becken anzustauen, wo wir plantschen und schwimmen konnten. Damals gab es noch Krebse im Bach. Und von denen gebissen zu werden, davor hatten wir schon eine gewisse Angst. Wenn die Dreschmaschine im Sommer unterhalb der Ley stand und die Bauern in langen Reihen mit ihrem Getreide anstanden, dann waren auch wir Kinder dabei. Oberhalb des Dreschplatzes saßen wir in selbstgebauten Hochsitzen in den Bäumen und beobachten alles. Am nächsten Morgen ging es dann mit dem Bollerwagen und Säcken zum Dreschplatz, um die Reste des Getreides aus den Klappen und vom Boden aufzusammeln, denn das war als Futter für die Hühner zuhause gedacht. Arbeit war das nicht für mich, sondern ein Abenteuer, besonders wenn ich und mein Bruder mit mehreren vollen Säcken nach Hause kamen.

Überhaupt, die „Ley" und „Koop", das waren unsere wichtigsten Abenteuerspielplätze. Überall im Wald hatten einzelne Kindergruppen ihre „Häuser" gebaut wo man sich am Nachmittag traf. Die „Hütten" waren aus Knüppeln und Hecken gebaut. In ihnen hüteten wir unsere Schätze, die wir auch schon mal auf den nahen Müllkippen fanden. Ja, so war das eben. Auf dem „Steineren Schuh", so nannten wir einen Vorsprung in der Lavagrube, kletterten wir abenteuerlustig hinauf, ganz ungefährlich war das nicht, ich hatte immer einen großen Bammel davor. Wir spielten im Wald unterhalb der „Ley" mit Pfeil und Bogen Cowboy und Indianer. Es war so schön!

Im Dorf gab es viele andere Möglichkeiten sich spielerisch zu beschäftigen. Mit den Mädchen spielten wir Völkerball, Gummitwist und Hüpfkästchen. Fangen und Verstecken waren unsere anderen Spiele - wo sieht man das heute noch in den modernen Wohngebieten? Am liebsten spielten wir in den jungen Jahren Klicker. Überall auf den Höfen, die damals noch nicht gepflastert waren, sondern aus reiner Erde bestanden, gab es die typischen Klickerlöcher, wo nach dem Erledigen der Hausaufgaben Mädchen und Jungen zusammenspielten. Die bunten kleinen und großen Glaskugeln in einem von Mutter genähten Säckchen waren unser ganzer Stolz. Wer schöne neue hatte, zeigte sie natürlich allen anderen Kindern. Eine andere Beschäftigung war das Sammeln. Wir sammelten alles, standen bei „Bielen" an der Mauer und schrieben Autokennzeichen auf, sammelten Zündhölzerdosen und auch Zigarettenschachteln. Die fanden wir am Straßenrand der B 257 und vieles andere mehr. Taschengeld gab es für mich nicht viel, anfangs nur einen Groschen, später fünf Groschen.



Für einen Groschen gab es bei „Bielen" zehn süße Kamellen oder ein Stück Schokolade, bei „Enneketen" oder beim „Backes" kauften wir Wundertüten, in denen Indianer, Ritterfiguren oder bunte Bildchen drin waren, die wir sammelten.

Im Winter wurde Schlitten gefahren. Am Tag lief das am Hang des heutigen Wohngebietes „Laach" ab, aber auch unterhalb des Wochenendhauses über dem heutigen Wohngebiet „Vorschoßberg". Am Abend wurde die Hauptstraße von der Kirche bis zur Brücke im Dorf unsere Schlittenpiste. Wir legten uns auf den Schlitten, einer setzte sich noch oben drauf, die nächsten Schlitten hakten wir mit den Füßen dahinter ein und ab ging es mit Karacho hinunter. Die hinteren Schlitten des oft langen Konvois schleuderten in jeder Kurve hinten weg und überschlugen sich. Mann, war das ein Spaß! Autos, welche die Hauptstraße am Abend befuhren, gab es in den 1950er und 1960er Jahren noch nicht viele im Dorf. Überhaupt der Winter, das war damals noch eine ganz andere Dimension. Es gab Schnee in Massen, wir konnten wahre Schneehöhlen in den Verwehungen bauen. Und Schneeballschlachten gab es natürlich viele.

Wir mussten auch im Haushalt oder bei der Feldarbeit helfen. Wenn die Kartoffeln ausgemacht wurden, holte Mutter immer eine Reibe, Mehl, Eier und eine Pfanne mit aufs Feld. Und dann gab es über einem Feuer die leckersten Reibekuchen der Welt, noch heute schwärme ich davon.

Unsere Kindheit war eben voller Erlebnisse. Wir hatten nicht viel, aber eines hatten wir mit Sicherheit: eine schöne Kindheit.