von Margret Heinzen, Feusdorf
Es ist Heiligabend, meine Mutter verbringt ihn bei uns, wie jedes Jahr. Wir sitzen am Tisch, essen Würstchen mit Nudelsalat, wie jedes Jahr. Danach plaudern wir bei dem ein oder anderen Glas Wein bis zur Bescherung, auch wie jedes Jahr.
Und doch ist es dieses Jahr anders. Zum ersten Mal, seit mein Vater verstorben ist, bleibt meine Mutter heute Abend nicht über Nacht. Die Stufen zum Gästezimmer sind für sie im Laufe der Zeit zu beschwerlich geworden und zudem wartet dort nicht das eigene Bett. Die Beine sind unzuverlässig zittrig und der Rücken bei fremden Betten nachtragend geworden. Wie wir also so dort sitzen und in aller Gemütlichkeit erzählen, fällt mein Blick auf die Hände meiner Mutter.
Hände, an die ich, mit festem KleinkindGriff geklammert, meine ersten Schritte getan habe.
Hände, die tröstend über meinen Kopf strichen, wenn ich mit aufgeschlagenen Knien weinend auf ihrem Schoß saß, und die in diesem Moment alles Unheil der Welt von mir fernhielten.
Hände einer Bauersfrau, mit Schwielen von Heugabel und sonstigem, eigentlich für Frauenhände zu schweren, Arbeitsgerät. Hände die, seit ich denken kann, nach Melkfett duften. Was empfindliche Kuheuter pflegt, ist ja auch für die melkenden Hände Balsam.
Hände, die Berge von Flickwäsche an der Nähmaschine bewältigten, vor Weihnachten heimlich Puppenkleider nähten und die frischgebackenen Weihnachtsplätzchen vor uns Naschkatzen im Kleiderschrank versteckten.
Hände, die es auch heute noch mit einem einzigen präzisen Messer-Schlag schaffen, ein gekochtes Ei sauber und ohne Schalen-Inferno an der Bruchkante zu köpfen. Hände, die immer für mich da waren, wenn ich sie brauchte, die mir Wurzeln und Flügel zugleich gegeben haben.
Hände, inzwischen knochig geworden, eingefallen, mit hervortretenden Adern und einer Haut, die mich ein bisschen an Pergament erinnert. Das ein oder andere Gelenk hat Knötchen vom Rheuma.
Die immer so starken Hände wirken fast zerbrechlich. Es ist mir nie so aufgefallen, aber es sind die Hände einer alten Frau geworden. Gerade wird mir einmal mehr wieder klar, wie wertvoll gemeinsame Zeit ist und wie unaufhaltsam schnell sie verrinnt.