Aus Dörflern wurden Städter

von Margret Krämer, Gerolstein-Michelbach


Bekanntlich sind wir alle Zwerge, die auf den Schultern von Riesen sitzen. Will heißen, wir wären heute nicht da wo wir sind, wenn unsere Vorfahren sich nicht abgemüht hätten. Im Alt- und Mittelhochdeutsch bedeutet ar(e)beiten = sich plagen, angestrengt tätig sein.

Blickt man sich in der Vulkaneifel um, so sieht man weiterhin sehr viele Wald-, Feld-und Wiesenflächen, auf denen sich einst viele Eifeler abmühten. Früher ging man raus in die Natur um sich zu plagen, heute um sich zu erholen.

Streift man unaufgeregt durch die umliegenden Wälder, so stolpert man zwangsläufig über die zahlreichen, teilweise wie an einer Perlenkette aneinandergereihten, runden Plätze, an denen die Köhler ihr Handwerk bis Ende des 18. Jahrhunderts betrieben. Einen Kohlemeiler aufzuschichten war nicht nur eine schweißtreibende Plagerei, sondern erforderte auch eiserne Sorgfalt und Präzision. Zuviel Luftraum bzw. Sauerstoff zwischen den Holzscheiten erhöhte die Gefahr, dass der Meiler nicht durchdampfte, sondern letztlich verbrannte und sich die ganze Plagerei jäh in Asche auflöste. Heute sind akkurat aufgeschichtete Brennholzstapel sicherlich Beleg dafür, dass so manchem Eifeler dieses Handwerk noch in den Genen liegt.

Wenn man so im Walde steht, dann drängt sich unweigerlich auch der Eindruck auf, als ob heute — trotz imposanter Maschinenparks - viel schludriger gearbeitet wird als anno dazumal. Im Jahr 1844, wie auch in mehr als 100 Jahren zuvor und danach, wurde der Wald buchstäblich mit allen Händen leergefegt. Dies lässt sich — zum Beispiel — aus folgender Anzeige schließen:

„Am 10. Mai [1844] werden im Michelbacher Kapellen-Walde „Marxbüsch" genannt:

  1. 30 Eichen Nutzstämme,
  2. 87 Klafter Scheit- und Knüppelholz,
  3. 224 Klafter Reiser, und
  4. 50 — 60 Zentner Lohrinde

[...]zu Michelbach öffentlich versteigert".

Heute werden ausschließlich Baumstämme aus den Wäldern abtransportiert; alles andere soll und darf - sehr zur Freude der Forstwirtschaft und der Milliarden Kleinstlebewesen - endlich im Wald verbleiben.

Dass Arbeiten „sich plagen" bedeutet, wussten nicht nur die Köhler, sondern auch die Ackerleute. Während akkurate Köhler Kohle schaufelten, lernte jedes Dorfkind in jungen Jahren, dass „Stein reiche" Ackerflächen keine steinreichen Ackerleute machen. Von Ackerfrau bis Zimmermann, irgendwie ackerte jeder im Dorf, damit zu jeder Jahreszeit etwas Schmackhaftes auf den Tisch gestellt werden konnte. Was nicht für den Eigenbedarf benötigt wurde, wurde überwiegend eingetauscht oder auf dem Markt in Gerolstein verkauft. Hühner waren die „Geldautomaten" jener Jahrzehnte, als ein Ei noch als ein bewährtes alternatives Zahlungsmittel anerkannt wurde, ganz ohne Stempel mit dem Legedatum. So schrieb im Januar 1863 der Hillesheimer Friedensrichter Schneider seinem Kölner Amtskollegen: „Hier in der Eifel ist das nicht anders; die Leute haben immer Essen und Trinken genug, aber ... Bargeld ... ?"

Das man heute wieder mehr Hühner auf dem Land sieht (und hört), könnte darauf hinweisen, dass sich das Bargeld auf dem Rückzug befindet. Eine Tatsache, die sich völlig losgelöst von der Entwicklung des Hühnerbestandes im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung unweigerlich weiter verfestigen dürfte. Verdrängen lassen sich jedoch nicht die Sätze, die man in der Jugend immer dann zu hören bekam, wenn man es sich mal so schön „comod" (bequem) gemacht hatte, um sich intensiv den Tagträumen zu widmen: „Seis dou keen Arbitt?" Dann war man knietief drin in der „Rhetorik für Anfänger". Es gibt halt Arbeiten, die man partout nur dann wahrnimmt, wenn sie nicht erledigt sind. Dies trifft ganz klassisch und zu 100 % auf jegliche Hausarbeit zu. Zum Beispiel, ist Staub gewischt, sieht man es nicht; wurde Staub nicht gewischt, sieht man es sofort. Kein Wunder also, dass man sich in solchen Situationen gerne aus dem Staub gemacht hätte.

Man kann es drehen und wenden wie man will, dem Wort „Arbeit" schwingt etwas Negatives mit, und unseren Vorfahren gebührt enorme Hochachtung dafür, dass sie sich nicht aus dem Staub gemacht haben. Aus den Unwägbarkeiten, die ihnen von der Natur oder der Obrigkeit in den Weg gestellt wurden, haben sie das Beste geschaffen. Um dies in ihrer Alltagssprache auszudrücken, haben sie das Wort „schaffe" genutzt. Im Mittelhochdeutschen bedeutet schaffen = entstehen, ansetzten zu, sich bemühen um, erschaffen, machen, besorgen, bestellen, bewirken, erreichen, verhandeln, sorgen für, oder schöpfen. Alles Wörter, die positive Assoziationen hervorrufen, und unser Platt / Dialekt ist durchsäht mit dem Wort „schaffen", wie in „dä as ä reschtije Schaffert"oder „se hann vill jeschafft heck".

Dank all diesem unermüdlichen „Schaffen" sind mittlerweile wenige Vollernte- und Landmaschinen anstelle der einst vielen Eifeler inmitten der Wald-, Feld- und Wiesenlandschaften zu entdecken. Für die Mehrheit der Dorfbewohner lässt sich nicht mehr am Berufsstand, sondern nur anhand der Wohnadresse erkennen, dass sie tatsächlich auf dem Land leben. Heute ist man - zum Beispiel - Künstler, Mittelstandsunternehmer, IT-Berater, Finanzexperte, Verwaltungsangestellte, Mechatro-niker, Facility Manager, Freiberufler oder Ruheständler. Der Preis dieses Aufstiegs ist, dass das Wissen, das einst elementar für das gemeinschaftliche Miteinander war, wie - zum Beispiel - der genaue Verlauf der Gemarkungsgrenze oder die Lage der Gemeindeflächen, im Alltag praktisch keine Rolle mehr spielt. Im Jahr 1857 hieß es in einer Verkaufsanzeige eines Ackergutes dazu „[...] Das große Gemeinde-Vermögen, 600 Morgen Waldung, 300 Morgen Länderei, bieten bei 20 Bürgern dem Gemeindeberechtigten große Vortheile."

Das einstige Gemeindevermögen ist heute Teil eines Landschaftsschutzgebietes (Schutzgebiet NRP-7000-008 „Naturpark Vulkaneifel"), dessen aktive Pflege und Erhalt auf wenigen Schultern ruht. Die dörfliche Solidargemeinschaft, die ursprünglich aus der gemeinschaftlichen Bewirtschaftung und Schutz des Gemeindevermögens erwuchs und viele Jahrhunderte überdauerte, hat sich aufgelöst bzw. wurde abgelöst von unterschiedlichen Vereins- und spezifischen Interessensgemeinschaften, die man auch in jedem städtischen Umfeld finden kann.

Aus einem Dörfler ist letztlich ein Stadtbürger geworden, denn immerhin ist Michelbach nun bereits seit einem halben Jahrhundert ein Stadtteil von Gerolstein.