Lenzmühle, Lenzenhaus -oder was?

Spurensuche im Sammetbachtal

von Günter Schenk, Gillenfeld


Beginnen wir die Geschichte im April 1966 mit einem Zeltlager der Gillenfelder St. Georgs-Pfadfinder im Sammetbachtal (1). Das Wochenendcamp beinhaltete das volle Programm und so auch am Sonntag die Lagermesse. Starker Regen am Sonntagmorgen zwang zu einer Alternative, die uns in die Lenzmühle führte. Dort, in der guten Stube feierte Kaplan Kurt Günther mit uns Pfadfindern und der Familie Lenz die heilige Messe — für alle ein bleibendes Erlebnis.

Bei dieser Gelegenheit stellten wir fest, dass die so genannte „Lenzmühle" überhaupt keine Mühle war. Es gab kein Wasserrad, kein Gebäude mit der Mahltechnik und keinen Mühlenteich.

Wie eine Mühle aussah, das wussten wir von der knapp einen Kilometer oberhalb am Sammetbach, auf Eckfelder Gemarkung, gelegenen „Holzmühle". Durch den mittelalterlichen Mühlenbann (2) war sie allerdings die „Mühle der Gillenfelder". Aber auch die kirchliche und schulische Orientierung der Müllerfamilien nach Gillenfeld schaffte vielfältige Beziehungen zwischen Ort und Holzmühle. So auch in unseren Kindertagen, wenn wir die gleichaltrigen Kinder der Müllerfamilie Mais besuchten und dabei respektvoll das etwas andere Leben auf einer Mühle kennen lernten.

Doch nun wieder zurück: Warum die Bezeichnung „Lenzmühle" - seit eh und je die gebräuchliche Gillenfelder Bezeichnung für die Gebäude am Sammetbach unterhalb des Ortes Wallscheid und auch zu diesem gehörend - wenn es überhaupt keine Mühle war? Früher hätte es hier eine Mühle gegeben und der Name hätte sich auf das spätere Anwesen übertragen. So die Erklärung, mit der ich fortan lebte.

Eine neue Perspektive kam kürzlich in diese Sache durch alte Fotos, die in einem privaten Archiv schlummerten. Karl Schlemmer, damals Leiter des Postamtes Gillenfeld, hat sie Anfang bis Mitte der 1930er Jahre aufgenommen. Schlemmer liebte die Eifel und hatte bei seinen Streifzügen durch die Natur stets seine Kamera dabei. Glücklicherweise hat er viele Fotos mit Orts- und Zeitangaben archiviert, ohne die eine Zuordnung kaum möglich wäre. So tragen auch einige Fotos die Bezeichnung „Mühle im Sammetbachtal". Allerdings ist es keine Getreidemühle, die Karl Schlemmer fotografierte, sondern ein von Wasserkraft angetriebenes Sägewerk, auch Sägemühle genannt. Doch gab es dort nur die Sägemühle, oder auch eine Getreidemühle, auf die Hinweise deuteten?

Das alles machte mich neugierig! Also ging ich auf Spurensuche — und hier das Ergebnis: 1816 kauft der 1794 in Alendorf bei Blankenheim geborene Nikolaus Lenz die Holzmühle und heiratet am 28.08.1822 Maria Katharina Erdorf aus Oberkail. Die in dieser Ehe geborene Tochter Anna Katharina stirbt am 11.12.1823 im Alter von nur 27 Tagen. Ein Jahr nach dem Tode seiner Frau Maria Katharina (+ 25.04.1852) heiratet Nikolaus Lenz am 22.01.1853 seine zweite Frau, die 30-jährige Anna Klaus aus Düngenheim. Aus dieser Ehe stammen fünf Kinder (4 Mädchen, 1 Junge). Anna Lenz wird nur 43 Jahre alt und stirbt am 29.10.1867. Zwei Monate später, am 01.01.1868 stirbt auch Nikolaus Lenz im Alter von 74 Jahren. Der einzige Sohn, ebenfalls Nikolaus, geboren am 20.09.1861, ist zu dem Zeitpunkt mit 7 Jahren noch im Kindesalter.


Die Sagemühle im Juli 1929.


Wilhelm Mais ist daher der neue Müller auf der Holzmühle. Der 1841 geborene Wilhelm Mais stammte von der Maismühle bei Ulmen und war von Kind an mit dem Mühlenbetrieb vertraut. Es ist anzunehmen, dass Nikolaus Lenz rechtzeitig vor seinem Ableben in dieser Form die weitere Existenz der Holzmühle sicherte. 1875 heiratet Wilhelm Mais die älteste Lenz-Tochter Margaretha. Das Glück währt nicht lange. Am 14.10.1878 stirbt Margaretha im Alter von 24 Jahren. Die Ära Lenz auf der Holzmühle war also nur von kurzer Dauer.

Weiter geht unsere Geschichte mit dem am 20.09.1861 geborenen Nikolaus Lenz jun., der wohl zunächst auf der Holzmühle im Betrieb seines Schwagers arbeitet. Volljährig, will Nikolaus „auf eigenen Füßen stehen" und errichtet einen Kilometer flussabwärts in der „Sammet" um 1883 zunächst ein Wohnhaus. Nach der Eheschließung am 18.09.1885 mit Barbara Lenerz aus Udler baut das junge Paar das Gebäude zu einer Getreidemühle aus. So entsteht die „Untere Holzmühle"!

Drei Kinder, ein Junge und zwei Mädchen werden dort in den Jahren von 1886 bis 1888 geboren. Doch dann bricht Unheil über die Familie Lenz herein und die Mühle wird 1894 von einem Feuer völlig zerstört. Die Familie verlässt den Unglücksort, kehrt erst 1904 zurück und baut unweit der abgebrannten Mühle ein neues Häuschen.

Zunächst von der Landwirtschaft lebend, entsteht in den Folgejahren (3) die Sägemühle bzw. das Sägewerk als zweites Standbein. Es wird exakt an der Stelle der ehemaligen Getreidemühle (4) errichtet, da Wasserrecht und Wasserzufuhr zu dem Standort noch existieren.

Und damit sind wir bei den Fotos von Karl Schlemmer. Sein erstes Foto (vorherige Seite) von der Sägemühle datiert aus dem Jahre 1929 und zeigt das Gelände in einer interessanten Nahaufnahme, die unseren Vorstellung von einem „Sägewerk" in keiner Weise entspricht: Ein einfacher Holzschuppen überdacht das Sägegatter, welches durch ein Wasserrad angetrieben wird. Egal — es erfüllt seinen Zweck Baumstämme zu Balken oder Brettern zu schneiden und damit den Bedarf der umliegenden Bauern und Handwerker zu decken.


Sägemühle (mit Nikolaus Lenz ?) im Jahre 1931.


Auch in der nächsten Generation bleibt der Sägewerksbetrieb in der Hand der Familie. Als Nikolaus Lenz, er stirbt am 25.04.1935, das Sägewerk nicht mehr betreiben kann, übernimmt sein Schwiegersohn Michael Oberkirch die Arbeit am Gatter. Oberkirch, am 21.03.1882 in Dierscheid geboren, hatte am 11.09.1911 die jüngste Tochter Barbara der Eheleute Nikolaus und Barbara Lenz geheiratet. Die Familie Oberkirch wohnt in Wallscheid und Michael geht täglich von dort zum Sägewerk. In den Jahren des Zweiten Weltkrieges stirbt Michael Oberkirch und die Sägemühle wird aufgegeben. Sie verfällt, wie auch das Wohnhaus am Sammetbach.


Sagemühle in Betrieb


Doch damit ist die Geschichte nicht zu Ende. Nikolaus Lenz hat einen Sohn — und wie sollte er anders heißen als „Nikolaus". Am 01.07.1886 geboren, ist er 1904, als die Familie wieder im Sammetbachtal sesshaft wird, 18 Jahre alt.

Nennen wir ihn Nikolaus Lenz den Jüngeren, zieht es von zu Hause weg und er lernt offensichtlich auf verschiedenen Mühlen das Handwerk des Müllers. Zum Zeitpunkt seiner Eheschließung am 02.04.1913, als er vor dem Standesbeamten von Idenheim die am 22.09.1889 geborene Katharina Bares aus Röhl heiratet, ist er in Traben-Trarbach wohnhaft. 10 Jahre später, also 1923, steht die Endres-mühle bei Manderscheid zur Neuverpachtung. Nikolaus Lenz schlägt zu und pachtet gemeinsam mit Nikolaus Schneider die Endresmühle, die sie bis 1950 bewirtschaften. (5)

Offensichtlich hatte man nicht schlecht gewirtschaftet, denn die Familie Lenz kehrt nun ins Sammetbachtal zurück und baut an Stelle der zerfallenen Behausung ein neues Wohnhaus. Obwohl die Ehe kinderlos blieb, kann man von einer Familie sprechen, denn Nikolaus und Katharina bringen einen Adoptivsohn von der Endresmühle mit: Erich Gustav Lenz, geboren am 08.02.1925. Man betreibt Landwirtschaft. Da es keine Mühle mehr gibt, ist aus der Lenzmühle das „Lenzenhaus" geworden.

Am 09.07.1952 heiratet Erich Lenz seine, aus Birresborn stammende Frau Maria Magdalene, genannt Leni. Mit ihr hat Erich acht Kinder. Sein Vater, Nikolaus Lenz der Jüngere stirbt am 25.12.1956 im Lenzenhaus. Eine schwere Erkrankung von Erich Lenz zwingt die Familie 1978 das Lenzenhaus zu verlassen und nach Mehren zu ziehen. Das Lenzenhaus wird verkauft und heute zu Wohn- und Ferienzwecken genutzt.

Nun kennen wir die Entwicklung im Sam-metbachtal zwischen Gillenfeld und Wallscheid: von der Unteren Holzmühle über die Sägemühle zum Lenzenhaus und damit auch die Geschichte der Familie Lenz. Die Erinnerung an sie hält die offizielle Wohnplatzbezeichnung der Ortsgemeinde Wallscheid „Lenzenhaus" wach und an ihre Mühlen dieser Aufsatz.


Anmerkungen:

  1. Der Sammetbach, oder die Sammet, entspringt nordwestlich des Dürre Maares, durchfließt das Holzmaar und mündet zwischen Niederscheidweiler und Olkenbach in den Alfbach
  2. Mühlenbann bzw. Mahlzwang war ein im 12. Jahrhundert entstandenes grundherrliches Gewerbebannrecht. Es sicherte den Grundherren das alleinige Recht zum Bau und Betreiben einer Mühle zu (Mühlregal) und zwang die Bauern der gebannten Gemeinden, dort ihr Getreide mahlen zu lassen. In Preußen wurde das Bannrecht 1820 abgeschafft.
  3. Wann genau das Sägewerk errichtet wurde, lässt sich nicht mehr feststellen. Verschiedene Rückschlüsse deuten auf die Zeit zwischen 1910 und 1920 hin.
  4. Rd. 300 m unterhalb des jetzigen Lenzenhauses
  5. In der Geschichte der Endresmühle wird Nikolaus Lenz, als von der „Unteren Holzmühle" kommend, beschrieben

Quellen: