von Brigitte Bettscheider, Kelberg-Zermüllen
Seit ihrer Kindheit interessiert sich Astrid Schneider (Berenbach) für historische und heimatkundliche Ereignisse. Nun widmete sie den aus ihrem Geburtsort Kelberg stammenden Opfern des Zweiten Weltkrieges eine bestens recherchierte Dokumentation — „denn es darf nicht vergessen werden, was geschah", sagt sie. Soweit sich Astrid Schneider zurückerinnern kann, war der 16. Januar immer ein trauriger Tag in ihrer Familie. Dann kamen bei ihrem Vater Hermann Marx die Erinnerungen an den verheerenden Bombenangriff vom 16. Januar 1945 besonders intensiv zur Sprache. Hatte er doch an jenem Tag als Sechsjähriger den Tod seines Großvaters Anton Marx und die Zerstörung seines Elternhauses hautnah miterlebt. „Es war meinem Vater zeitlebens wichtig, dass das nicht vergessen wird", erklärt Astrid Schneider.
Einen Großteil der Recherchen seiner Tochter hat der 2021 verstorbene Hermann Marx noch miterlebt. Nun ist die Dokumentation „Chronik der Kriegstoten und Vermissten des Zweiten Weltkrieges aus der Ortsgemeinde Kelberg und den Ortsteilen" fertig. Mehr als sieben Jahre hat Astrid Schneider daran gearbeitet — neben ihrer beruflichen Tätigkeit als Bürokauffrau und neben dem Familienleben mit Ehemann und zwei Söhnen. Angehörige und auch nicht unmittelbar betroffene Mitbürger stellten Schrift- und Bildmaterial zur Verfügung und gaben ihr Interviews. Im Kelberger Rathaus erhielt die Autorin Einsicht in Geburts- und Sterbeurkunden, um ihre Daten zu vervollständigen. Sie recherchierte in Archiven und im Internet. Letztlich blieben nur ganz wenige Lücken. Sie sei erleichtert, dass das zeitaufwendige Werk nun endlich abgeschlossen sei, räumt Astrid Schneider ein.
„Aber ich empfinde auch sehr viel Dankbarkeit, dass es mir mithilfe vieler Menschen gelungen ist, den Kelberger Opfern des Zweiten Weltkrieges eine Stimme zu geben und sie aus der Anonymität der Gesamtzahlen herauszuholen", betont sie. So wie der eingangs erwähnte Anton Marx, der beim Bombenangriff auf Kelberg in seinem Wohnhaus getötet wurde, während sich Ehefrau, Schwiegertochter und zwei Enkelsöhne im Keller des gegenüberliegenden Hauses aufhielten und unverletzt blieben. Oder wie die junge belgische Familie Gennes (der 24-jährige Willy, seine 25-jährige Ehefrau Lucie und ihr fünf Monate altes Söhnchen Karl Friedrich), die auf der Durchreise in Kelberg Schutz suchten und im Haus Pauly mit vier Bewohnern den Tod fanden. Insgesamt kamen 20 Zivilisten und mehr als 40 Soldaten bei dem Bombenangriff am 16. Januar 1945 ums Leben.
Mehr als 60 meist junge Männer aus Kelberg und den Ortsteilen Hünerbach, Köttelbach, Rothenbach-Meisenthal und Zermüllen kehrten nicht mehr aus dem Zweiten Weltkrieg zurück, sind gefallen oder vermisst. Ihr Schicksal ist nun einzeln dokumentiert. Darunter das der drei Söhne der Zermüllener Familie Schramm, Fritz (19), Peter (22) und Theodor (37). Und das der beiden Brüder von Karl Kaspers, dem Großvater von Astrid Schneider mütterlicherseits, Hubert (31) und Rudi (32); von Letztgenanntem ist die Todesbenachrichtigung an den Vater zu lesen, und es wird an seinem Beispiel erklärt, was eine „Leichentrauung" ist. „Wo mag Robert sein?", zitiert Astrid Schneider eine bange Frage aus dem Tagebuch von Anna Eich aus Zermüllen. Statt des erhofften Wiedersehens mit ihrem jüngsten Sohn erhält die Familie die Schreckensnachricht: „Ihr Sohn Robert fiel am 6. April 1945 bei den Straßenkämpfen um Heilbronn."
Astrid Schneider mit ihrer Chronik.
Abgerundet wird die beeindruckende Dokumentation von Berichten über die Kriegsgräberstätte auf dem Schwarzenberg, dem Bombenangriff vom Januar 1945, dem Einmarsch der Alliierten und Impressionen vor dem Krieg.
Die Vorstellung der Dokumentation „Chronik der Kriegstoten und Vermissten des Zweiten Weltkrieges 1939-1945 aus der Ortsgemeinde Kelberg und den Ortsteilen Hünerbach, Köttelbach, Rothenbach-Meisenthal und Zermüllen" von Astrid Schneider war am 14. Juni 2024 im bis auf den letzten Platz besetzten großen Sitzungssaal des Rathauses Kelberg. Die erste Auflage wurde komplett verkauft. Inzwischen kann das Buch wieder zum Preis von 19 Euro erworben werden, und zwar in der Tourist-Information des Rathauses, Dauner Straße 22, Kelberg.