von Friedbert Wißkirchen, Daun
Kennen Sie Himmelspost? Sicher nicht! Meine Mutter starb bei einem Bombenangriff (= 19.07.1944) im letzten Krieg, damals war ich ein kleines vierjähriges Mädchen.
Dass Tod etwas mit Endgültigkeit und Nimmerwiedersehen zu tun hatte, begriff ich damals natürlich nicht — vor allem schrieb meine Mutter ja. Mein Vater las jeden Tag die Briefe mit dem schwarzen Rändchen (=Trauerrand) und dies fand ich schön. Natürlich fragte ich nach den seltsamen Briefen und er erklärte mir, das sei „Himmelspost". Ich wusste ja, dass meine Mutter im Himmel war. Irgendwo eben. Nur mal kurz verreist. Sie würde schon wiederkommen. Wie und wo der Himmel war, wusste ich nicht. Es war einfach klar, sie schrieb ja „Himmelspost". So passte ich voller Spannung jeden Tag die Post ab und rannte meinem Vater freudestrahlend entgegen mit den Rändchenbriefen. Sie hatte wieder geschrieben! Dass Vater beim Lesen traurig aussah und manchmal furchtbar weinte, konnte ich überhaupt nicht verstehen. Was gab es denn so trauriges aus dem Himmel zu berichten? Dann wurden die Briefe immer seltener und ich enttäuschter. Sie hatte nicht geschrieben!
Bernd, Ruth, Liesel mit Marlies, Gardi, Doris und Hubert Ernst im Jahr 1940.
Wenn ich heute einen Brief mit schwarzem Rand im Briefkasten sehe, der einen mit Schmerz und Trauer erfüllt, muss ich auch manchmal lächeln. Ach ja, „Himmelspost", auf die ich so versessen war. So erweckt eine traurige Nachricht einen Gedanken an einen kindlichen Traum.
Wäre es nicht unendlich beruhigend, es gäbe wirklich Himmelspost?"
Diese Zeilen stammen von Dorothee Schwer-Reuland, die sie etwa 1990 zu Papier brachte. Ihre Mutter, Franziska Reuland geb. Bommerich war am Morgen des 19. Juli 1944 zu einem Frisörtermin im Salon von Friseurmeisterin Maria Schwoll geb. Kraus in der Lindenstraße 3, heute: Foto-Nieder. Eine von 130 Bomben traf das Haus Schwoll und tötete Maria Schwoll, ihre Kinder Marianne (12 Jahre), Helga (9) und Horst (7 Monate). Auch ihre Mutter Josefine geb. Kaiser (60) und die Kundin Franziska „Fränze" Reuland (40) fanden den Tod. Ihr Mann, Medizinalrat Dr. Stephan Reuland, der Leiter des Gesundheitsamtes Daun, hatte seine Frau, die Kinder Karlheinz und Dorothee ihre Mutter verloren. Ein schwerer Schicksalsschlag, vor allem für die Kinder unbegreiflich, für Dorothee, damals 4 Jahre alt, war die „Himmelspost" ein wenig Trost.
Blick auf die zerstörte Apotheke Ernst in der Leopoldstraße
In der Leopoldstraße wurde zum gleichen Zeitpunkt u. a. auch die Adler-Apotheke durch Bomben völlig zerstört. Der Apotheker Hubert Josef Ernst (48) und die Kinder Marlies (8) und Doris (14) sowie Kunden und Personal — insgesamt 8 Personen - fanden den Tod, Sohn Bernd wurde schwerverletzt, die Apothekenhelferin Johanna Fries (verh. Gessner) leicht verletzt geborgen. Die Apothekerin Elisabeth „Liesel" Ernst war am Tage des Bombardements mit den Töchtern Ruth und Gardi in ihre Heimat Meckenheim und entgingen so dem Schicksal. Liesel mit den Kindern Bernd, Ruth und Gardi waren obdachlos geworden; Oberinspektor Peter Schmitz, für die Wohnraumbewirtschaftung bei der Amtsverwaltung zuständig, wies ihnen im Hause von Medizinalrat Dr. Reuland eine Wohnung zu.
Das Leid, die gemeinsame Trauer und der gegenseitige Trost führten die vom Schicksal so hart betroffenen Menschen zusammen. Dr. Stephan Reuland und Elisabeth Ernst schlossen im Mai 1945 den Bund fürs Leben und gründeten eine neue Familie.
Insgesamt 65 Männer, Frauen und Kinder erlitten am 19. Juli 1944 den Tod, 209 Menschen wurden teilweise schwerverletzt. An den Krieg und seine Folgen zu erinnern und für den Frieden einzutreten ist unsere Pflicht! Ludwig Jung, selbst durch einen Bombensplitter schwer verletzt, mahnte immer wieder: „Das darf nicht vergessen werden!"