Meine Kindheit war arm, aber schön,

von Karl-Heinz Jax, Retterath


Ich bin noch sechs Tage im Zweiten Weltkrieg zur Schule gegangen, dann wurde der Unterricht eingestellt. Das war damals noch in der alten Schule bei der Kirche und dem Pfarrhaus. Unser Lehrer war Schulleiter in Arbach und unterrichtete vertretungsweise in Retterath. An meinem ersten Schultag gingen alle Kinder in der ersten Pause in den Wald, der direkt an die Schule angrenzte. Ein Junge, der auch neu in die Schule gekommen war, und ich schlossen uns den anderen Kindern an. Doch hatten wir nicht rechtzeitig bemerkt, dass sie schon wieder zurück zur Schule gelaufen waren. So kamen wir beiden schon am ersten Tag zu spät in die Klasse und mussten uns zur Strafe zehn Minuten vorne neben den Ofen stellen.

Die neue Schule hatte einen Anbau mit Lehrerwohnung. Etwas entfernt stand ein Gebäude, in dem sich die Toiletten befanden, allerdings ohne Wasserspülung. Auf dem Dachboden lagerte das Holz zum Heizen des Schulsaals und der Lehrerwohnung. Die Gemeinde stellte das Holz zur Verfügung, und die Eltern der Schulkinder mussten es mit ihren Viehgespannen zur Schule bringen, kleinschneiden und spalten. Wir Kinder beförderten es auf den Dachboden.

Im Schulgebäude waren ein Garderobenraum für die Jacken und Mützen der Kinder und ein Materialraum für Landkarten und Kartenständer sowie für Sportgeräte. Das Klassenzimmer war der größte Raum. Der Lehrer legte meistens selbst das Brennholz in den schweren gusseisernen Ofen. Wenn die größeren Jungen diese Aufgabe übernahmen, kam es vor, dass sie zu viel auflegten und der Ofen feuerrot zu glühen begann. „De Owwe ess gelönelesch", sagten wir dann auf Platt.

Alle Kinder wurden in einem Raum von einem Lehrer unterrichtet. War der Lehrer mit einem Jahrgang beschäftigt, mussten die anderen sich ruhig verhalten, was aber nicht immer klappte. Der Lehrer saß auf einem Podest, so dass er alle gut im Blick hatte. Bis zu 60 Kinder waren zu unterrichten und zu beaufsichtigen, was man sich heute kaum vorstellen kann. Unser Lehrer war sehr streng. Die Leute sagten: „Dat ess en richtije Kamesskopp" — also ein strenger Soldat. Doch wir haben viel und gut bei ihm gelernt.

In der Kriegs- und Nachkriegszeit ging es vielen Leuten nicht gut. Die meisten hatten eine kleine Landwirtschaft, womit sie die Familie zu ernähren versuchten. Wenn Heuerntezeit war und die Woche über das Wetter schlecht, musste man auf die Erlaubnis des Pastors in der Messe warten, wenn sonntags gutes Heuwetter war.

Der Lehrer machte abends Kontrollgänge durchs Dorf. Kinder, die nach 19 Uhr noch auf der Straße waren, wurden am nächsten Morgen in der Schule dafür bestraft. Einmal war ich mit etlichen Kindern noch draußen, als auf einmal jemand rief: „De Pläät kütt!" So nannten wir den Lehrer, weil er kaum noch Haare auf dem Kopf hatte. Am nächsten Morgen mussten alle Kinder, die er abends auf der Straße gesehen hatte, die Hand ausstrecken, und sie bekamen ein paar Stockschläge von ihm.

Als ich Kind war, gab es in unserem Dorf noch keine Wasserleitung. Das Wasser für den täglichen Gebrauch musste man aus einem der drei Trinkwasserbrunnen in Zinkeimer schöpfen und nach Hause tragen. Für die Versorgung der Lehrerfamilie mit Trinkwasser waren die Jungen aus dem siebten und achten Schuljahr zuständig. Wenn die Heidelbeeren („Wompele") reif waren, ging der Lehrer mit allen Kindern zum Sammeln in die Wälder; die Ernte war für die Lehrerfamilie. Der Lehrer errichtete zusammen mit den größeren Jungen das Martinsfeuer. Die anderen Kinder mussten Reisig sammeln und zu Bündeln binden. Als Laternen dienten uns Rüben, in deren Außenwände wir Sterne oder Figuren schnitzten.

Meine Kinderzeit war arm, aber schön. Ich glaube nicht, dass man sie mit dem Leben der Kinder in der heutigen Zeit vergleichen kann. Alles hat sich verändert, wie auch überhaupt das ganze Dorfleben.