Kein Rad-Schieben und keine Scheibe

von Alois Mayer, Daun und Heinz-Johann Schmitz, Gerolstein


Der Riesen-Bärenklau — gleich wie groß und hübsch er aussieht — ist eine invasive (etwas Fremdes dringt/verdrängt Einheimisches) und hochgiftige Pflanze. Im 19. Jahrhundert aus dem Kaukasusgebiet nach Europa eingeführt, hat sie sich seitdem in vielen Regionen — auch im Vulkaneifelkreis - äußerst stark ausgebreitet. Sie erweist sich als ökologisch problematisch, da sie einheimische Pflanzen verdrängt und gesundheitliche Risiken für den Menschen birgt. Es gilt als sinnvoll, den Riesen-Bärenklau zu bekämpfen und auszurotten, was jedoch schier unmöglich erscheint.

Ähnlich ergeht es auch einem sehr schönen Dialektwort in unserer Eifeler Sprache. Auch dieses wurde nach dem letzten Krieg durch ein invasives, fremdartiges Wort .besetzt' und immer mehr zu einem unverständlichen und völlig falschen Begriff verdrängt.

So empfinden und beweisen es zumindest die Heimatkundler Alois Mayer, Daun, und Heinz Josef Schmitz, Gerolstein. Seit Jahren wehren sie sich gegen die zunehmende .Vergiftung des Eifeler Sprachgebrauchs', versuchen diese ebenfalls zu bekämpfen und auszurotten, was jedoch ebenfalls schier unmöglich erscheint.

Dabei handelt es sich um die Begriffe 'Scheef, Schoaf', das Grundwort zu einem erhaltens- und aufsuchenswerten Brauch, der zum Glück noch in einigen Gemeinden der Eifel, vorwiegend in der Vulkan-, Süd-und Westeifel, gepflegt wird.

Seit Jahren wird zu Beginn der Fastenzeit zu diesem Brauch eingeladen, dessen Wurzeln bis in die vorchristliche Zeit hineinreichen. Da hört und liest man in Veröffentlichungen, in Mitteilungsblättern oder Tagesmedien: „Kommt zum Radscheewen am Scheewe Sunnech" — „Radschieben in X-dorf findet am Scheefsundisch statt" — „Auf zum Radschieben am Scheiwen Samstag in Y-Dorf —"Herzliche Einladung zum .Schiefer Sonntag in Pützborn" oder zum „Scheefsonntagsbrauchtum". — „Weil das Feuerrad an den Rand der Anhöhe und darüber hinaus geschoben wird, wird der Tag im Dialekt als Schewesundisch (Scheiben/ Schiebensonntag) bezeichnet ..." (in: 1000 Jahre Oberstadtfeld Vulkaneifel — Dorfgeschichte 1016 -2016)

Dabei meinen alle das gleiche, nämlich jenen uralten Feuerbrauch am ersten Fastensamstag oder -sonntag, der im Dialekt 'Scheefsunndisch [Schoaf-, Schöfsonndich, -samsdich o.ä.] genannt wird. Bei diesem Brauch wird .samsdisch' (= samstags) oder ,su(o)nndi(s)ch' (= sonntags) bei Dunkelheit ein brennendes, aus Stroh geflochtenes Rad einen Berghang hinabrollen gelassen. Der Dialektunkundige bringt die erste Silbe ,Scheef-' nunmehr mit dem brennenden Rad in einen völlig unlogischen und unsinnigen Zusammenhang. Es entsteht das .invasive' Wort 'Radscheewen', das dann wiederum mit ,Radschieben' verhoch-deutscht wird. Und schon ist die Suggestion vordergründig, das Dialektwort 'Scheew, Scheef, Schoaf, Schöff (im Raum Kyllburg, Bitburg)' habe etwas mit .schieben' zu tun. Und genau dies ist total falsch. Dies spüren auch viele Artikelschreiber, denn im gleichen Text schreiben sie, „wo brennende Räder den Berg hinabrollen!" Bergab braucht kein Mensch ein Rad zu .schieben'!

Sogar die Hauptgeschäftsstelle des Eifel-vereins — die es auf jeden Fall hätte besser wissen oder recherchieren müssen — schrieb in ihrer Jubiläumsausgabe „EIFEL 1888 - 1889": „Brauch beim Fastenfeuer ist das Radscheiwen (Radscheiben). Ihm gemäß heißt der erste Fastensonntag im Volksmund auch 'Scheiwen-Sonndisch' (Scheiben-Sonntag)."


Winteraustreiben in Steffeln: Die Junggesellen rollen abends an „Scheefsamstech", dem Vorabend des ersten Fastensonntages ein brennendes Feuerrad vom Abhang des Steffelberges hinab in Tal. Das brennende Rad ist das Symbol für die Sonne, die mit ihrer Wärme den Winter vertreiben soll.


Falscher geht's nimmer! Weder der Brauch noch das Wort Scheef haben etwas mit .Scheiben' oder .schieben' oder .schief zu tun.

Der Begriff .Rad scheewen' wurde auch in der Umgangssprache nie gebraucht, dafür aber .Scheef-, Schoaf- oder Schöfsunnich'. Das Dialektwort .Scheef oder Schoof, eng mit dem angelsächsischen .sheaf, sheaves '(= Strohbündel) verwurzelt - leitet sich ab von dem mittelhochdeutschen .schoup, schof' hin zum hochdeutschen Wort .Schaube'. Mit .Scheef' ist immer ein Strohbündel (zum Dachdecken) gemeint. Und dass Stroh den Inhalt der variierenden Bräuche bestimmt, ist allerorts feststellbar.

Zu dem Substantiv ,Scheef (Scheef ist die Mehrzahl von Schoof = Stroh) gibt es kein Verb. Die Eifel kennt kein ,scheew(f)en' (= strohen). Dieses Verb ist Unsinn! Drum ist ,Radscheew(f)en' (= Rad strohen) ebenfalls Unsinn!

Es existiert im Dialekt auch kein zweisilbiges ,Scheewe'. Gültig ist nur ,Scheef(w)', das demnach ausschließlich ,Stroh' bedeutet, also der ,(Sams-, Sonn-)-Tag des Strohs'. Strohräder rollen brennend einen Berg herunter oder werden neuerdings aus Sicherheitsgründen an einer Querstange heruntergeleitet. Nie wird geschoben! Nie brennende (Holz-)Scheiben benutzt. Stroh-und Holzhaufen werden angezündet, um den kommenden Frühling willkommen zu heißen, Strohpuppen als ungeliebtes Wintersymbol verbrannt. Und die Jugend in Kopp bei Gerolstein oder in Udler treibt 'Strohbären' durchs Dorf. Und in Hillesheim wird eine Strohpuppe, der 'Nubbel', verbrannt!

In alten Sprüchen, Liedern, Redewendungen und im Eifeler Brauchtum wird ,Schoof stets als Dialektwort und in Verbindung mit Stroh gebraucht: „Er liegt auf Schoof, es läutet auf Schoof (Der Tote liegt aufgebahrt auf Stroh! Es läutet für einen Verstorbenen). „Bifle, bifle, Böfchen (= Bübchen, Knabe), get oos e kle Schöfchen!" deklamierten Kinder im Fleringer Raum, wenn sie um Stroh baten, während die Kinder im Gerolsteiner Raum es so formulierten: „Dir — li löfchen, get mir e kle Schöfchen, so dick wie e Perds-leif (= Pferdeleib), bis Johr git et Koor reif."


Weitere Beispiele:

„Scheef nennt man heute noch in der Westeifel das zum Dachdecken säuberlich geordnete Bündel Stroh" (in: Schiffels Hans, Mein Moselland, Trier 1954) „Der Sonntag führt den Namen Schaaf-(Strohschaube, Strohbund) oder anders artikuliert Scheef, Schöf-, Schoofsonndig, in der Osteifel Fackel-, Freudensonntag." (in Wrede Adam, Eifeler Volkskunde, Frankfurt a. M. 1983)

„Der Schoof ist ein schweres Strohbündel, von bestem gleichmäßigen Roggenstroh, zum Dachdecken oder für Strohseile. 'Scheef machen' für den Dachdecker. (in: Winterspelter Wörterbuch).

Nachdem im 19. Jahrhundert auch in unserer Eifel wegen drohenden und existenzvernichtenden Feuerbränden Dacheindeckungen mit Stroh verboten wurden, verschwanden nach und nach nicht nur alle Strohdächer, sondern damit auch das Verständnis des Wortes Scheef.

Fazit: In der Öffentlichkeit und/oder Medien sollte zukünftig das ,invasive' Un-Wort ,Radscheewen' gänzlich vergessen und dafür besser und der deutschen Sprache gerechter zu einem „Feuerbrauch an Scheef-(Schauf-, Schoof-)sonntag" oder „Räder brennen in X-Dorf am Scheefsunnech (Scheefsams-tech)" geschrieben werden, wo brennende Strohräder oder Holzstöße dialekt- und brauchtumsliebende Menschen sehr erfreuen.